1. Bericht (04. September 2007)
- Ankunft -
Es ist nun schon fast vier Wochen her, dass ich von dem Flughafen in Atlanta, Georgia von meiner Gastfamilie abgeholt wurde. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich verzweifelt umherirrte um meine Koffer zu finden, plötzlich hörte wie jemand "Anja" rief und meine Gastmutter Sherri vor mir stand. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht mehr als den Namen und den Wohnort meiner Gastfamilie, weshalb dieser Moment für mich eine ganz besondere Überraschung war.
Kurz darauf tauchten auch schon meine zwei Gastschwestern auf mit einem Plakat "WELCOME to Atlanta Anja !!!"
Alle umarmten mich herzlich und meine Nervosität ließ gleich etwas nach - ich hatte es endlich geschafft. Als wir das klimatisierte Flughafengelaende verliessen, traf mich der erste Schlag: 43 Grad Celsius Außentemperatur!!!
Ich brauchte nicht viel länger als wenige Minuten um das amerikanische Prinzip "The bigger, the better" zu verstehen, als ich an Atlantas Wolkenkratzern vorbeifuhr- ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus! Zwar hatte ich in dem Vorbereitungsseminar, das drei Tage zuvor in Washington D.C. stattgefunden hatte, schon einen Vorgeschmack für das bekommen, was mich in den USA erwarten sollte, aber diese Bilder kannte ich bisher nur aus Filmen!
(Nebenbei: Washington D.C. ist im Vergleich zu Atlanta sehr "flach" gebaut, damit die "Memorials" fuer beruehmte Politiker, wie Lincoln Jefferson und Roosevelt den Rest der Stadt überragen).
Als wir dann nach ca. einer Stunde in meinem neunen Wohnort Buford ankamen, blickte ich auf eine idyllische Gegend: Fast schon ein wenig zu idyllisch und ein wenig unheimlich: aufgrund der umwerfenden Aussentemperaturen war weit und breit kein Mensch zu sehen. Über dem Garagentor hing eine amerikanische Flagge; nur ein KLEINER Vorgeschmack auf das, was mich an meiner High School erwarten sollte!!!
Ich hatte noch immer mit meinem Jet-lag zu kämpfen und war froh abends ins Bett fallen zu können - in einem eigenen Zimmer.
- Ab in die High School -
Nach einem erholsamen Wochenende war dann am 13.8.07 mein erster Schultag an der North Gwinnet High School.
An diesem Morgen war ich völlig überrumpelt von der riesigen Auswahl an Schulfächern und den verschiedenen Schwierigkeitsstufen, so dass ich meinen Stundenplan in den folgenen Tagen immer wieder ändern musste, um die für mich 'richtigen' Kurse zu finden. Die Endversion sieht nun so aus:
- Psychologie
- US-Geschichte
- Englisch ("Language Arts")
- Biologie
- Fotographie
- Mathe ("Precalculus")
Ich muss zugeben, die erste Schulwoche war so schwer für mich, wie ich es mir nie vorgestellt hätte. Der Akzent des Südens machte mir sehr zu schaffen. Aber ein noch viel größeres Problem war, dass ich an ein kleines Gymnasium mit ca. 900 Schülern gewohnt war und mir deshalb in einer High School mit 3000 Schülern einfach nur verloren vorkam. Entsprechend der sehr hohen Schülerzahl ist das Gelände riesig. Die Anzahl der Schüler ändert sich von Tag zu Tag (mit steigender Tendenz!!!), so dass nicht genug Räume zur Verfügung stehen und sogar in so genannten Trailors (Wohnwagen) unterrichtet wird.
In der ersten Woche kam ich ausnahmslos zu jeder Unterrichtsstunde zu spät, weil ich meine Klassenräume partout nicht finden konnte. Es ist wohl ein Wunder, dass ich nicht nachsitzen musste. Aber die Lehrer hatten am Anfang des Schuljahres offensichtlich noch Verständnis für uns Neue. 'Wir Neuen', das sind noch ungefähr weitere 800 Schüler, die wie ich in der ersten Woche orientierungslos in den Korridoren der Schule umherliefen ? Freshman.
Neu für mich war und ist der Aufbau des Stundenplans. Er besteht aus 7 Stunden, wobei eine Stunde Lunch, das heißt Mittagspause, ist. Die Schule geht morgens schon um 7.15 Uhr los ( mein Bus kommt um 6.30 Uhr!!) und endet um 14.10 Uhr.
An meinem ersten Schultag hat mich das Ritual nach der 1. Stunde ziemlich aus der Bahn geworfen - heute ist es schon ein Teil des Alltags.
Nach einem "Moment der Stille" fordert der Schulleiter per Lautsprecher Schüler wie auch Lehrer auf, für den Treueschwur auf die amerikanische Flagge (Pledge of Allegiance) aufzustehen. Alle wenden sich der Flagge im Klassenraum zu, einige mit ihrer rechten Hand auf dem Herzen.Danach hallt die Stimme des Direktors in allen Räumen der High School. Alle sprechen gemeinsam: "I pledge allegiance to the flag of the United States of America and to the Republic for which it stands, one Nation under God, indivisible with liberty and justice for all." - "Ich gelobe Treue auf die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, unzerteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle."
Mir lief ein Schauer über den Rücken, als dieses Ritual das erste Mal vor meinen Augen praktiziert wurde. Andererseits musste ich mir ein Grinsen verkneifen, weil mir diese Situation einfach so ungewohnt und komisch vorkam.
Diese Bedächtigkeit kannte ich bisher nur von den Morgengebeten, die in unserer Schule (katholisches Gymnasium) in Deutschland jeden Morgen vorgelesen werden. Dasselbe nun bei einem Flaggenschwur zu erleben, war für mich beinahe ein wenig unheimlich. Vor allem "one nation, under god" ? in amerikanischen Schulen gibt es auf Grund der strikten Trennung von Staat und Kirche keinen Religionsunterricht. Leicht paradox?! ( Hab mich da mal im Internet ein wenig schlau gemacht: Die Phrase "under god" wurde bei der Verabschiedung des Gesetzes im Kongress am 14.06.1945 unter Eisenhower hinzugefügt. Ziel war es die gottlosen Kommunisten im eigenen Land zu Zeiten des kalten Krieges anzugreifen.) Weshalb dieser Teil nicht schon längst wieder aus dem Schwur verschwunden ist, ist für mich noch ein Rätsel.
Dann werden per Lautsprecher die Neuigkeiten verkündet (z.B. die glorreichen Siege unserer Footballmannschaft).
Sobald es schellt scheint die ganze Schule in Bewegung zu sein (ich weiß das deutsche Schulsystem nun wirklich gut zu schätzen ? es ist für Schüler wesentlich relaxter). Meistens renne ich vor jeder Stunde noch kurz bei meinem Schliessfach vorbei, denn es ist schon schwer genug das Schulbuch für ein Fach zu tragen ? Wälzer von über 1000 Seiten!!!
Ich freue mich jeden Tag aufs Neue auf meine Mittagspause.





