2. Bericht (10. November 2007)
Leider läuft nicht immer alles so glatt, wie man es sich wünscht. Genau das durfte ich vor gut zwei Monaten feststellen, als ich mitsamt meiner Koffer vor dem Haus meiner Gastfamilie stand. Das gute amerikanische Vorstadtleben in einer ganz "normalen" amerikanischen Familie hatte sich zu einem Albtraum entwickelt. Mit Einverständnis meiner Koordinatorin durfte ich dann für zwei Wochen bei einer "Übergangsfamilie" einziehen. Eine gute Schulfreundin hatte mir das Angebot gemacht das ich dankend annahm. Die Familie hatte allerdings von Anfang an klar gemacht, dass es nur "vorübergehend" sein sollte, so dass ich in den darauf folgenden Tagen angespannt auf Neuigkeiten meiner Koordinatorin Ellie wartete.
Und sie kamen: Ellie hatte eine Familie in Atlanta gefunden, die mich aufnehmen wollte.
Mit gemischten Gefühlen machte ich mich dann mit ihr auf den Weg zu meinem neuen Zuhause. Einerseits war ich etwas traurig, meine Schule und die ersten Freundschaften, die ich geschlossen hatte, zurückzulassen, auf der anderen Seite stand mir ein Neuanfang bei einer Familie bevor, die mir von Anfang sehr sympathisch war und zudem noch in der Hauptstadt wohnte. Die positiven Gefühle überwiegten und ich blickte optimistisch auf meine verbleibenden 8 ½ Monate.
Doch ein Zwilling kommt selten allein ... an der nächsten High School verbrachte ich nur vier Tage. Die "inter city schools" sind das absolute Gegenteil der gut gepflegten Schulen der Vororte. Meine neue Schule lag zwar in "Bucket", dem wohl reichsten Viertel Atlantas, war allerdings eine Öffentliche Schule. Und genau da lag der Haken. Wer es sich leisten kann- und genau das war in diesem Viertel definitiv der Fall- schickt seine Kinder auf Privatschulen. "North Atlanta High School" hatte mit Kriminalität, Drogen, Schulschwänzern und Co zu kämpfen. 85% der Schüler sind dunkelhäutig, so dass ich mich in einigen Klassen als einzige "Weiße" in einer nie da gewesenen Situation wieder fand. Am Eingang der Schule mussten alle Schüler durch fast identische Sicherheitsmaßnahmen wie am Flughafen gehen (Maßnahmen, wie man mir sagte, die nach dem 11.Septeber eingeführt wurden). Rucksäcke, die weder durchsichtig noch aus einem netzartigen Maetrial bestanden, mussten geöffnet und kontrolliert werden. Nach dem Hurrikan "Katrina" letztes Jahr sind wohl unzählige Prügeleien zwischen den Schülern aus Atlanta und den Zugezogenen aus dem Staat Loisianna ausgebrochen bei denen auch Waffen im Spiel waren. So war neben den Taschenkontrollen auch Polizeipräsenz für die Schüler nichts Ungewöhnliches. An meinem letzten Schultag ist dann ein "Food fight" ausgebrochen, bei dem sich die Schüler in wenigen Sekunden unter den Tischen verbarrikadierten.
Diese vier Tage werden mir wohl ganz besonders lebendig in Erinnerung bleiben.
Da ich durch falsche Informationen an dieser Schule gelandet war und eigentlich in dem Einzugsgebiet einer anderen Schule lag, hatte mich meine Gastmutter am Ende der Woche wieder abgemeldet und ich fing in der nächsten Woche an meiner dritten High School an: "Henry W. Grady High School", mein hoffentlich letzter "Umzug" in diesem Austauschjahr.
Da mittlerweile schon acht Wochen des ersten Semesters vergangen waren und die Schule leider sehr überfüllt war, gab es Probleme mit meinem Stundenplan. Die "guten" Kurse waren leider zum größten Teil schon belegt, so dass ich nun mit einem weitgehend weniger anspruchsvollen Plan aufkam.
Aber nun gut mit meiner Pechsträhne, denn der Umzug hatte definitiv auch seine guten Seiten. An meiner neuen High School konnte ich die "Spirit Week" erleben, von der ich schon so viel gelesen hatte. Jeden Tag gab es ein Motto und Schüler sowie Lehrer kamen verkleidet zur Schule, wobei der "Opposite Sex Day" definitiv am interessantesten war. Die wagemutigsten Jungen kamen tatsächlich mit High Heels und Miniröcken zur Schule, wogegen die Mädchen ihre Hosen bis zu den Knien runterzogen und demonstrativ ihre Boxershorts raushängen ließen.
Am Freitag kam es dann zum Höhepunkt der "Spirit Week": die Pepralley fand statt. Im Grunde genommen ist es nicht mehr als eine Versammlung von Schülern und Lehrern in der Sporthalle, in der die Footballspieler für das Homecoming Game am Abend angefeuert werden, aber auch die perfekte Gelegenheit "School Spirit" zu zeigen. Der unheimliche Lärmpegel in dieser Stunde wird nicht nur durch alle Stufen verursacht, die sich mit Schlachtrufen gegenseitig zu übertönen versuchen, sondern auch durch die Marchingband und die Cheerleader - ein unvergessliches Szenario!!!
Die Stadt an sich hatte mich ja schon bereits an meiner Ankunft fasziniert und sie hatte meine Erwartungen nicht verfehlt. Man kann nicht nur in den unzähligen Parks der Stadt den Herbst genießen oder "Downtown" einkaufen gehen; Atlanta bietet auch kulturell sehr viel.
Meine Gastschwester Elizabeth liebt Ballet und da traf es sich sehr gut, dass ich noch nie in einer Balletvorstellung war. Zusammen sind wir dann zu "Peter Pan" im berühmten Foxtheater der Stadt gegangen.
In Atlanta habe ich mich nun auch dem "Atlanta Public Schools Orchestra" angeschlossen.
Da meine Gastfamilie einen wunderschönen Flügel besitzt, von dem ich in den ersten Tagen fast gar nicht mehr loskam, hat mich Anne, meine Gastmutter, mit zu ihrem Klavierunterricht genommen. Mittlerweile gehe ich jede Woche ein Mal zur Kirche und nehme Klavierunterricht bei einer herzensguten Frau aus Moskau.
Außerdem gehe ich zwei Mal in der Woche mit meiner Gastfamilie zur methodistischen Kirche. Mittwochs gibt es eine Jugendgruppe, und Sonntagmorgens vor dem Gottesdienst die "Sunday school", in der wir meistens 2-3 Bibelverse besprechen. Sonntagabends findet dann wieder die Jugendgruppe statt.
Kirche ist fest verwurzelt im Leben der meisten Amerikaner und ist fester Bestandteil des Alltags.


Halloween In meiner neuen Familie habe ich mein erstes amerikanisches Halloween erlebt und auch fleißig zwei Kürbisse verziert.
Nächste Woche ist die "International Education Week" an der ich in meiner Schule oder anderen öffentlichen Einrichtungen von der Deutschen Kultur, aber auch von meinen Erfahrungen als Austauschschüler berichten werde. Ich denke ich habe bereits einen sehr vielfältigen Eindruck des amerikanischen Alltags bekommen und bin schon gespannt auf die Fragen meiner Zuhörer.







