Jörg van Essen - Ihr Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Hamm -

4. Bericht (03. Februar 2008)

Ich glaube, es bleibt mir gerade nichts anderes übrig als mich für meine Monate lange Berichtslücke zu entschuldigen. Aber ich denke es ist ein deutliches Zeichen dafür, wie spannend und aufregend die Zeit in Atlanta für mich ist.

 

November 2007- Thanksgiving

Am vierten Donnerstag im November wird in den Vereinigten Staaten das Erntedankfest gefeiert, das ursprünglich von den Pilgervätern im 17. Jahrhundert stammt. Laut vieler Geschichten, die man mir gerne erzählt hat, brachten die neuen Einwohner ihre Dankbarkeit für die Hilfe der Indianer zum Ausdruck ohne die sie die ersten harschen Winter nach ihrer Ankunft in Amerika nicht überlebt hätten.

Heutzutage ist es ein nationsweiter Feiertag, der - wie viele meine Freunde zugaben - gerne als Ausrede genutzt wird, viel zu viel zu essen. Und ein Truthahn ist immer dabei!

 

Dezember 2007- Weihnachtszeit

Nach Thanksgiving war da natürlich noch das Weihnachtsfest - das überdimensionale amerikanische Weihnachtsfest, das sich schon im November in allen Kaufhäusern mit Kitsch und Trara ankündigte.

In der Adventszeit wurde ich dadurch überrascht, dass sich unter dem Tannenbaum Geschenke ansammelten, die man bei mir zu Hause erst Heilig Abend zu sehen bekommen hätte. Dabei ist mir wieder einmal das amerikanische Prinzip "Super Size me" aufgefallen. Nicht nur die Zahl der Geschenke war umwerfend (obwohl man dazu sagen muss, dass Santa Claus die Geschenke für ganze 12 Leute brachte), sondern auch ihre Größe. Trotz allem kann ich mir dieses Erlebnis wohl nur für einen geringen Teil der amerikanischen Bevölkerung vorstellen.
Es sollte das erste Jahr für mich sein, dass ich Weihnachten ohne meine Familie feiern würde. Einerseits stimmte mich das etwas traurig, aber andererseits dachte ich mir: Wie oft bekomme ich schon die Gelegenheit abends am 24. Dezember meinen eigenen "stocking" über den Kamin zu hängen und dann am 25.Dezember, Christmas Day, Santa Claus' "magische Spuren" zu entdecken?

Ich hatte jedenfalls einen riesen Spaß. Als Kate, eine meiner Gastschwestern, eine E-Gitarre unter dem Tannenbaum fand, war für mich auch schon klar, womit wir den Rest des Tages verbringen würden: Nach stundenlangem Singen (E-Gitarre und Geige ist eine erfreulich angenehme Mischung) probierten wir die restlichen neuen technischen wie modischen Errungenschaften an und aus bis wir abends erschöpft ins Bett fielen. Ein unvergesslicher Tag!

 

New Years Eve

Am 30. Dezember machte ich mich dann mit einem Teil der Familie (mit Kate und Caroline, den zwei ältesten Gastschwestern, und meiner Gastmutter) auf den Weg nach New Orleans, wo wir das neue Jahr begrüßen sollten. Nach einem 7-stündigen "Roadtrip" durch Alabama (das weite Nichts oder auch Niemandsland) und Mississippi (einer riesigen Sumpflandschaft) kamen wir endlich nach Louisiana.

Verglichen zu Atlanta, das während des Bürgerkrieges 1864 komplett niedergebrannt wurde, hatte New Orleans den bezaubernden Südstaatenflair: Dampfschiffe auf dem Mississippi, alte Villen mit ihren eisernen verschnörkelten Verzierungen, große Balkone und Veranden. Und obendrauf gab es in jeder Ecke der Stadt Jazz zu hören.

Mit viel Genuss habe ich dann auch so gut wie jede kulinarische Spezialität der Stadt probiert, unter anderem den bekannten Suppeneintopf "Gumbo", französische Beignets, Schildkrötensuppe und geschnetzelten Alligator, was wohl einer meiner wagemutigsten Versuche war.

Leider war das nur ein Teil der Stadt. Hurrikan Katrina hatte 2005 so unbarmherzig gewüstet, dass die ärmeren Gegenden der Stadt noch zum großen Teil wie im Kriegszustand aussahen: Fehlende Dächer, verlassene Supermärkte, schwarze Bäume (vom vielen Salz der Überschwemmung),... Es war ein trauriges Bild der Zerstörung.

Durch die 7-stündige Zeitverschiebung konnte ich dann schon am Nachmittag meine Familie anrufen und ein "Frohes Neues Jahr" wünschen.

An unserem vorletzten Tag der Reise haben wir das "Sugarbowl footballgame Georgia vs. Hawaii" im Superdome angeschaut. Es war das größte Stadium, das ich jemals in meinem Leben betreten habe (es fasst um die 70.000 Zuschauer!!!).

Für mich war es unheimlich bewegend als zu Beginn des Spiels die Nationalhymne gespielt wurde und das Lied aus jedem Munde des ausverkauften Stadions zu hören war während eine überdimensionale Flagge ausgerollt wurde.

Am Ende (nach unglaublichen vier Stunden) konnten sich die Georgia Fans über einen 41 zu 10 Sieg über Hawaii freuen.

Ich muss sagen, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken lief als ich realisierte, dass es DER Superdome war, in dem ich saß. (der Superdome aus den Nachrichten, aus der Evakuierung 2005 während des Hurrikans Katrina: 15000 Menschen, drei Tage, kein Essen, kein Wasser, keine Elektrizität, keine medizinische Versorgung). Und das alles wurde mir erst bewusst, als ich die fehlenden Latten an der Decke sah. Alles andere war bereits renoviert worden.

 

Januar 2008 - 2. Halbjahr

Mit frischem Schwung ging es dann auch gleich wieder los ins zweite Halbjahr.

Nach chaotischen Stundenplanänderungen fand ich mich schließlich doch in fast allen Klassen des ersten Halbjahrs wieder.

In der zweiten Woche hörte ich von den Vorsprechproben für ein neues Theaterstück. Die erste Produktion hatte mir sehr gut gefallen und deshalb dachte ich mir, ich sollte mein Glück versuchen und meine schauspielerischen Künste auf die Probe stellen. Mit meinem fleißig auswendig gelernten Shakespeare-Monolog hatte ich nach einem nervenaufreibenden Nachmittag die Sprechprobe gut überstanden. Ich war dabei! Mit einer der kleineren Hauptrollen im Theaterstück "Measure for Measure" von Shakespeare.

 

Mid-term-Seminar

Wie es sich zu dem amerikanischen Austauschprogramm gehört hatten wir nach 6 Monaten Aufenthalt ein Seminar mit allen Austauschschülern der Umgebung, um uns über unsere Erlebnisse austauschen zu können.

So übernachtete ich mit zwei anderen Mädchen und unserer Lokalkoordinatorin Downtown, nur 20 Minuten von dem Haus meiner Gastfamilie entfernt. Zu unserem Glück hatte man sich für uns einen luxuriösen Ort ausgesucht: eine Suite im 47. Stock des Hilton Hotels Atlantas.

Unser Tag begann mit einem Besuch im Senat, in dem wir für einen Vormittag als Pagen arbeiteten. Im Grunde genommen bestand unsere Aufgabe "nur" darin, den Senatoren Zettel von Bürgern, die vor dem Saal warteten, zu überbringen. Das gab uns allen vermehrt die Gelegenheit mit dem einen oder anderen Senator ins Gespräch zu kommen, und eine heiße Diskussion im Saal mitzuverfolgen. (Es ging darum, ob Arbeitnehmer Schusswaffen in ihrem Handschuhfach mitführen dürfen, wenn sie auf dem Parkplatz des Arbeitgebers parken. Zum Glück wurde das Argument "Selbstverteidigung" abgewiesen und so wird wohl auch kein entlassener Arbeiter aus Wut seinen Chef erschießen können).

Die restlichen zwei Tage fühlten wir uns eher wie Touristen als Austauschschüler, die schon mehrere Monate in der Stadt wohnen. Wir aßen im Hardrockcafe Atlanta, liefen durch fast alle Strassen Downtowns (Straßen, die ich während meines gesamten Aufenthaltes noch nie gesehen hatte) und sahen das "High Museum of Art".

Es waren spaßige Tage, für die wir sogar schulfrei bekamen.

 

Präsidentschaftskampagne

In den Medien Amerikas wird zurzeit von nichts anderem außer den "primaries", den Vorwahlen, gesprochen. Anhand dieser wird entschieden welche zwei Namen (ein Republikaner und ein Demokrat) auf den Stimmzetteln der eigentlichen Wahl im Oktober 2008 stehen werden.

Im Fernsehen werden regelmäßig Debattierrunden der Kandidaten gezeigt, die ich mir mit Vergnügen zusammen mit meiner Gastmutter anschaue (als liberale Frau macht sie nicht selten Kommentare über die - nach ihrer Meinung - "gewissenlosen idiotischen..." Republikaner).

In dieser aufregenden Zeit hatte ich sogar die Möglichkeit, Bekanntschaft mit einigen Verantwortlichen der John Edwards Kampagne zu machen, die für einige Tage in dem Haus meiner Gastfamilie wohnten. Ich hatte wirklich Mitleid mit ihnen als ich erfuhr, dass John Edwards seine Kandidatur zurückzog, weil das für sie bedeutete, dass sie nach einem Jahr harter Arbeit arbeitslos waren. Keiner von ihnen konnte sich erklären warum Edwards nicht zumindest noch bis zu dem "Supertuesday" (05.02.2008), an dem Vorwahlen in 22 Staaten gehalten werden, warten würde, um dann nach Erhalten seines Ergebnisses über den Fortgang seiner Kampagne zu entscheiden. Ohne diese Bekanntschaft wäre mir wahrscheinlich nie bewusst geworden, dass durch seinen Rückzug andere Menschen ihre Arbeit verloren. Hinter der ganzen Kampagne steckt ein riesiger Haufen Logistik, wie ich später herausfand.


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