Jörg van Essen - Ihr Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Hamm -

5. Bericht (05. Juni 2008)

A Happy Reunion - Ein glückliches Wiedersehen

Austauschschüler sein bedeutet vieles: sich auf neue Kulturen einstellen, mit einer fremden Sprache zurechtkommen, mit (gelegentlichem) Heimweh umgehen ... Viele vergessen, dass ein großer und wichtiger Teil des Austauschschülerseins das Wiedersehen ist -Wiedersehen von Familie und Freunden und natürlich auch der eigenen entfremdeten Kultur.

Offensichtlich halte ich mich immer noch in den Vereinigten Staaten auf und der ein oder andere wundert sich vielleicht, warum ich jetzt schon auf den „Reverse Culture Shock“, den umgekehrten Kulturschock, anspiele. Der Grund ist schnell erklärt. Vor genau zwei Wochen wurde mir das Glück bereitet, meine eigene Mutter wieder in die Arme schließen zu können. Kurz vor meinem letzten Schultag, der an meiner High School schon am  23. Mai war, habe ich meine Mutter vom Flughafen abgeholt. Als ich ihr vor einigen Monaten vorgeschlagen habe, mich zu besuchen und an meinem Erlebnis in den USA teilzuhaben, dachte ich über solch abstrusen Dinge wie „Reverse Culture Shock“ natürlich noch lange nicht nach. Ich habe die zwei Wochen mit ihr sehr genossen und es ist mir auch schwer gefallen, sie heute wieder gehen zu lassen. Mir ist während ihrer Anwesenheit allerdings auch sehr bewusst geworden wie sehr ich mich in den letzten zehn Monaten verändert habe und ehrlich gesagt bereitet mir genau das sogar ernsthafte Sorgen. Wenn eine einzige Person solch starken Einfluss auf mein Bewusstsein haben kann, was kann dann der Rest meiner Familie, Freunde, Lehrer, Deutschland auf mich auswirken?

Ich habe es sehr genossen meiner Mutter Grady High School zu zeigen, wo sie mit Erstaunen den Klassenraum für Modedesign, die Dunkelkammer des Fotolabors, das Theater, das Footballfeld und andere typisch amerikanische High School -Errungenschaften bewundern konnte. Ich habe sie meinen Freunden, Lehrern und (Gast)Verwandten vorgestellt bis sich bei ihr Namen wie Avery, Aubrey und Alice nur noch im Kopf drehten.

Der Aufenthalt meiner Mutter hat mir außerdem noch die Möglichkeit gegeben, Atlanta als Tourist zu erleben. Obwohl ich seit Monaten hier lebe, habe ich viele der typischen Touristenattraktionen nie zu Gesicht bekommen – ich fühlte mich einfach schon zu einheimisch. Wir waren zusammen im Botanischen Garten, dem CNN Center, dem Atlanta Aquarium, Centennial Olympic Park, Midtown, Downtown, im Geschichtsmuseum usw.

Das Highlight ihres Aufenthaltes war allerdings ein dreitägiger Besuch in New York. Auf Einladung meiner Gastmutter und -Schwester haben wir uns zu viert auf den Weg gemacht. Die Hinreise war sehr nervenaufreibend. Da in New York ein Unwetter tobte, wurden in der Großstadt alle Flughäfen vorübergehend geschlossen, so dass wir für eine gute halbe Stunden über Virginia kreisten. Und weil an der Situation sich nichts zu ändern schien wurden wir dazu gezwungen eine Zwischenlandung in Richmond, Virginia zu machen. Aus einer Reise die ca. zwei Stunden hätte dauern sollen wurden am Ende gute fünf Stunden.

Glücklicherweise sind wir wohlbehalten angekommen und von dem Sturm haben wir noch nicht mal einen Regentropfen zu spüren bekommen. 


New York, New York

Auf dem Weg zum Hotel habe ich hautnah die wagemutigen oder auch lebensmüden Künste der New Yorker Taxifahrer erlebt. Ohne Probleme geht es von der äußersten linken Spur in die rechte, es wird überholt ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, gehupt, und dem vollen Touristenbus fast auf der Stossstange gesessen: der New Yorker Verkehr ist schon ein atemberaubendes Spektakel.


Broadway
Angekommen am Hotel, das relativ zentral auf der Insel Manhattan liegt, haben wir uns gleich auf den Weg gemacht das Ungewisse zu erkunden. Vorbei am Timesquare, spazierten wir am Broadway entlang und bestaunten die Plakate für ein überwältigendes Angebot an Theateraufführungen und Musicals. Nach meinem eigenen Theatererlebnis an meiner Schule war ich insgeheim entschlossen eine professionelle Show am Broadway zu sehen. Als wir uns dann entschieden für denselben Abend Karten für das Musical „Chicago“ zu kaufen war ich einfach nur überglücklich. Die energische Besetzung und die Liveband konnten meine Erwartungen nur übertreffen!

Nach der Vorstellung schlenderten wir durch die hellbeleuchteten Strassen New Yorks. Die Stadt scheint nie zu schlafen. Touristenmassen und Geschäftsleute jagen  ununterbrochen durch Strassen und Gassen, während Werbeplakate auf sie hinabblinken


Times Square
Am Times Square findet der Wahnsinn dann seinen Höhepunkt. Die Nacht wird zum Tag und sogar der Himmel ist hell erleuchtet.

Erstaunlicherweise war von dem ganzen Chaos und Lärm im Hotel so gar nichts zu hören. Man muss allerdings auch bedenken, dass der Lärmpegel New Yorks innerhalb der letzten Jahre erheblich gesenkt wurde. An zahlreichen Strassen wurden auf Drängen der Anwohner Straßenschilder mit der Aufschrift “Don’t honk!“ –„Nicht hupen“ angebracht. Außerdem wird mit einer saftigen Strafe gedroht.

Wahrscheinlich auf Grund dieser Maßnahmen und guter Isolierung konnten wir ohne große Schwierigkeiten unseren Schlaf finden. Und der war auch dringend gebraucht!

Am nächsten Morgen ging es nämlich mit frischem Schwung gleich weiter. Meine Mutter und ich hatten uns bereits für eine Führung durch die Stadt angemeldet. Bei brüllender Hitze kämpften wir uns auf dem Dach eines typischen roten Touristenbusses durch den Verkehr. Unsere Tour ging durch Uptown, Downtown, Harlem, Central Park, Wallstreet und andere wichtige und bekannte Strassen und Gegenden der Großstadt. Nach einigen Stunden auf dem Bus hatten wir uns einen recht guten Überblick von der Stadt verschafft.

Da die Tour auf deutsch war hatten meine Gastmutter Anne, ihre Tochter Elizabeth, meine Mutter und ich uns für den Vormittag getrennt. Nachdem wir uns völlig erschöpft am Nachmittag ein wenig ausgeruht hatten, ging es dann aber wieder gemeinsam los.

Zusammen fuhren wir mit einer Fähre zu Staten Island um bei Sonnenuntergang den Anblick der Freiheitsstatue zu genießen. 

Unseren letzten Tag in New York wollten wir dazu nutzen uns das ein oder andere noch mal näher anzuschauen.

Den Vormittag verbrachten wir auf „Top of the Rock“, der Dachterrasse des Rockefeller Centers. Da das Gebäude zu den höchsten in New York gehört, war die Aussicht bei klarem Himmel und Sonnenschein tadellos. 



Rockefeller Center
Am Rande: Hier auf der Dachterrasse in 259 Metern Höhe fing ich an, das wahre Konzept einer Großstadt zu verstehen. Anonymität ist der Schlüssel. Aus einer gewissen Distanz betrachtet sind wir alle nur winzige Sandkörnchen. Wie gut, dass uns ein solcher Blick nur selten verschafft wird!

Von der glühenden Mittagssonne flüchtend fuhren wir die 70 Etagen zurück zum Erdgeschoss. Eigentlich war die leichte Brise in so großer Höhe sehr erfrischend gewesen, wogegen die Hitze, die sich in den Schluchten der Wolkenkratzer anstaut, den Aufenthalt in den Strassen fast unerträglich machte.

Während unserer „Übersichtstour“ hatten wir schon einen ersten Blick auf Ground Zero, die Fläche des ehemaligen World Trade Centers, werfen können. Aus persönlichem Interesse und Unglauben zog es mich zu dem gigantischen Loch an der Südspitze Manhattans zurück. Ich erinnere mich noch haargenau an den Tag des Unglücks am 11.September 2001. Es war der Tag nach meinem 11.Geburtstag. Ich war gerade aus der Schule gekommen als ich die Schreckensbilder im Fernsehen sah. Damals hatte ich noch längst nicht geahnt, was für Ausmaße die Katastrophe auf New York, Amerika und den Rest der Welt haben würde. In meinen Kinderaugen waren es „bloß“ zwei brennende Türme und Menschen, die sich von den Spitzen der Gebäude über den Einschlagstellen der Flugzeuge in den Tod stürzten. Schlimm genug, und im Alter von 11 Jahren schon fast ein wenig traumatisierend. An diesem besagten Tag war allerdings alles anders. Sechs Jahre später mit einem gewissen Verständnis für Geschichte und Politik stand ich nun an dem Ort, der Kulisse für einen Umbruch in der Weltgeschichte geboten hat. Der 11.September ist nicht nur als Tag mit einer unglaublichen Todeszahl von über 3000 in die Geschichte eingegangen, sondern auch als Grund für angeblichen weltweiten Krieg gegen Terrorismus. Die Bilder aus dem Fernsehen gingen an meinem inneren Auge vorbei als ich auf die riesige Baustelle starrte. Der Anblick war so emotionsgeladen, dass sich bei mir für einige Momente alles drehte und mir sogar einige Tränen in die Augen stiegen. Der ehemalige Komplex hatte ganze 64.570m² eingenommen. Ground Zero ist in der Tat ein gewaltiges Loch in der so eng bebauten Stadt. Die Arbeiten an dem neuen Projekt auf der besagten Fläche, die gut voran gehen, gaben mir - und ich bin mir sicher auch den New Yorkern - ein gewisses Gefühl von Hoffnung. Ich für meinen Teil werde den Besuch von Ground Zero als einen der emotionsvollsten Momente meines New York Aufenthaltes in Erinnerung halten.

Von der Südspitze machten meine Mutter und ich uns auf den Weg Richtung Norden zu Central Park. In meiner Zeit in Atlanta habe ich den riesigen Stadtpark „Piemont Park“ sehr ins Herz geschlossen, der wie Central Park ein beliebter sozialer Treffpunkt ist. Jung und alt, groß und klein, arm und reich, alle finden zusammen. Es wird gelesen, Football gespielt oder einfach nur auf der großen Wiese die Sonne genossen. Und so setzten meine Mutter und ich uns auf eine Bank im Schatten der Eichen und beobachteten das bunte Treiben für eine Weile.

Am Abend wagten wir uns zum letzten Mal in den chaotischen Verkehr, als wir mit einem Bus eine Nachttour machten. Ich persönlich mag New York fast schon lieber bei Nacht, wenn die Stadt mit all ihren Brücken in einem magischen Schimmer steht. Und erneut: aus einer gewissen Distanz scheint alles anders auszusehen. Hatte ich wirklich für einen kurzen Moment geglaubt New York wäre ruhig und friedlich? Ganz sicher nicht, denn „The Big Appel“ ist vieles, nur das nicht!

Am nächsten Tag war ich fast schon ein wenig enttäuscht wieder nach Hause fliegen zu müssen. New York bietet so viel, dass man mit Sicherheit Monate und Jahre dort verbringen könnte und am Ende immer noch nicht alles gesehen hätte.

Trotz des relativ kurzen Aufenthaltes war es das beste „Großstadterlebnis“ meines Lebens! Wie der Amerikaner jetzt sagen würde: „This was just AMAZING!!!“

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